Leihmutterschaft in Indien: Streit um ein Milliardengeschäft

Indien könnte bald ein Gesetz einführen, das Leihmutterschaft gegen Geld illegal macht. Betroffen wären eine milliardenschwere Industrie und Tausende Geburten pro Jahr – wie jene der kleinen Lily.

Ein wenige Wochen altes Mädchen lächelt fröhlich in die Kamera, während es auf einem mit Aufnähern bestickten Plüschkissen liegt. Doch die entspannte Atmosphäre auf dem Foto passt nicht zur Umgebung, in der es zu sehen ist. «Bringt Lily nach Hause», lautet die Überschrift über der Petition des britischen Ehepaars Michele und Chris Newman. Schon bald könnte es passieren, dass sie ihre Tochter zumindest vorläufig in Indien zurücklassen müssen und die Kleine in ein Waisenhaus muss. Denn Lily hat noch nicht die britische Staatsbürgerschaft. Sie ist zwar das biologische Kind ihrer Eltern, zur Welt gebracht wurde sie jedoch in Mumbai von einer Fremden – einer indischen Leihmutter.

Um Kinder wie Lily ist in den vergangenen Monaten in Indien ein heftiger Streit entbrannt. Mehrere Tausend von ihnen kommen laut verschiedener Schätzungen jährlich im Land zur Welt. Gezeugt im Reagenzglas und ausgetragen nicht von ihren leiblichen Müttern, sondern von sogenannten Leihmüttern. Indien ist eines der wenigen Länder, in denen diese Praxis weder verboten noch für die meisten Paare finanziell unerschwinglich ist – bisher. Ende August genehmigte das Regierungskabinett einen Gesetzesentwurf, der kommerzielle Leihmutterschaft in Indien verbieten würde, falls er in Kraft tritt.

«Seit das Gesetz seit rund zwei Monaten in der Luft hängt, haben wir einen regelrechten Ansturm von Paaren, die eine Leihmutterschaft wollen», sagt Nayana Patel im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Patel ist die Leiterin einer der größten Leihmütter-Kliniken in Indien. «Ich verstehe die Sorge um die Frauen», sagt Patel. «Aber statt eines Verbots sollte die Regierung für klare Regeln sorgen, um alle Beteiligten besser zu schützen.»

Mehr als 100 Leihmütter-Babys kommen in Patels Klinik im Bundesstaat Gujarat nach eigenen Angaben jährlich zur Welt. Rund 25 000 US-Dollar (22 300 Euro) kostet eine Leihmutterschaft, etwa ein Drittel davon bekommt die Frau, die das Kind austrägt. «Die Frauen kommen oft aus sehr armen Verhältnissen, sie könnten anders nicht so viel Geld verdienen», sagt Patel. In ihrer Klinik würden die Frauen zudem psychologisch und medizinisch betreut und erhielten eine Lebensversicherung für die Zeit der Leihmutterschaft. «Wenn die Regierung uns die Arbeit verbietet, wird das Geschäft in den Untergrund abwandern, wo diese Dinge nicht getan werden.»

Die Schätzungen darüber, wie groß das Geschäft ist, gehen weit auseinander. Im Jahr 2012 schätzte die Weltbank, dass in Indien jährlich knapp 400 Millionen US-Dollar (356 Millionen Euro) mit Leihmutterschaften umgesetzt werden. Die aktuellen Schätzungen indischer Institute wie der Industrievereinigung CII reichen deutlich höher und schwanken zwischen 1,5 und 2,3 Milliarden US-Dollar (1,34 und 2.05 Milliarden Euro).

Prominenteste Befürworterin eines Verbots ist Jayshree Wad. Die 78 Jahre alte Anwältin aus Neu Delhi brachte die Diskussion um Leihmutterschaft im Februar 2015 wieder ins Rollen, indem sie in einer Petition die völlige Abschaffung forderte. «Es ist schlicht und einfach die Ausbeutung des weiblichen Körpers», sagt sie im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. «Nicht umsonst kommen fast alle Leihmütter aus extrem armen Verhältnissen und sind schlecht ausgebildet. Sie wissen nicht, worauf sie sich einlassen. Davor müssen wir sie schützen.»

Das Schwarzmarkt-Argument lässt Wad nicht gelten: «Natürlich wird die Praxis nicht von einem Tag auf den anderen verschwinden. Aber ein Staat sollte in der Lage sein, für die Einhaltung seiner Gesetze zu sorgen.»