Ist es okay, wenn ich meinem Kind die Hausaufgaben mache?

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Bei unlösbaren Hausaufgaben müssen schon mal die Eltern ran. Aber sollten sie auch? Was bringt es den Kindern, wenn ein anderer ihren Job übernimmt – fragt sich unsere Autorin beim Referate schreiben für ihren Sohn.

Mal wieder Kind sein macht ziemlich Spaß! Das stelle ich fest, während ich einen Englischvortrag über Koalabären – die ja streng genommen keine Bären sind, wie ich gelernt habe – ausarbeite. Nein, ich habe nicht vor, den Job zu wechseln und mich als Grundschullehrer zu verdingen, von wegen Quereinsteiger und Lehrermangel. Ich greife meinem völlig überforderten Sohn unter die Arme, der keinen vollständigen Satz auf Englisch formulieren kann.

„Das macht man aber nicht, Kinder sollen ihre Hausaufgaben alleine erledigen, sonst lernen sie ja nichts“, so argumentieren Nichtbetroffene gerne. Auch vom Verband der Lehrer heißt es: „Liebe Eltern, helft den Kindern nicht, weil die Lehrkräfte ja nur dann erkennen können, ob die Kinder den Stoff verstanden haben, wenn sie die Fehler sehen – so zumindest die Theorie. Wobei man sagen muss, dass auch von Eltern gemachte Hausaufgaben nicht immer besonders gut sein müssen.“ Das leuchtet alles ein, keine Frage. Nur wie soll ein Viertklässler ein fünf- bis zehnminütiges Referat in einer Sprache halten, deren Vokabeln und Grammatik er nicht beherrscht? Genauso gut könnte man mich auffordern, etwas auf Schwedisch zu referieren.

Mit den anderen Eltern bin ich mir schnell einig: Das müssen wir wohl ran. Und so werden Porzellanelefanten rausgekramt, Walquerschnitte gedruckt und Süßigkeiten in entsprechender Tierform besorgt – das Drumherum ist ja auch wichtig.

Was bewegt einen Lehrer dazu, seinen Schülern unlösbare Aufgaben zu stellen? Und das frage ich jetzt nicht als überfürsorgliche Mutter! Schnell machen regelrechte Verschwörungstheorien die Runde: Es sei die Rache des Englischlehrers, weil sich viele Eltern beschwert hätten, dass zu viel Unterricht ausfiele und die Kinder nichts lernen würden.

Sind das jetzt noch Hausaufgaben oder Elternwettkämpfe?

Ist doch absurd. „In der Praxis gehen allerdings tatsächlich einige Lehrer falsch mit Hausaufgaben um, sodass die Schüler entweder über- oder unterfordert sind. Allzu häufig sind Lehrkräfte auch versucht, Dinge, die im Unterricht nicht geschafft wurden, in die Hausaufgabe zu delegieren“, sagt Heinz-Peter Meidinger, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes.

Eine Vorgehensweise, die den Schülern nicht viel bringt. „Da darf oder muss man vielmehr zum Lehrer gehen und sagen, dass man die Hausaufgaben nicht gemacht hat, weil man es schlicht und einfach nicht verstanden hat. Kommunikation ist alles! Und viele Lehrer sind ja auch dankbar für Rückmeldungen.“

Eltern sollen also wirklich nicht helfen. Dann lieber das Kind ohne Hausaufgabe in die Schule schicken? So entkäme ich dem Kräftemessen mit den anderen Eltern mit ihren Porzellanelefanten und Wahlquerschnitten. Aber was, wenn der Lehrer nicht erkennt, dass da geholfen wurde, während mein Kind vor der Klasse doof dasteht? Also greife ich doch zu Laptop, Laminiergerät und Papierschneidemaschine, erstelle Stichpunktzettel, Handouts und Ansichtsmaterial zum Rumreichen.

Nicht jeder taugt zum Hilfslehrer – was dann?

„Treten die Lehrkräfte die Stoffvermittlung ab, ist das natürlich fatal, da geht dann die berühmte soziale Schere auf“, sagt Meidinger, selbst Vater und Lehrer an einem Gymnasium. Kinder, deren Eltern nicht – sei es mangels Zeit, Kenntnis oder Lust – zu Hilfslehrern mutieren, um den Unterrichtsstoff auf eigene Faust zu Hause zu erarbeiten, werden benachteiligt.

Meidinger hat aber auch ein wenig Verständnis für Lehrer, die so vorgehen: „Es kann tatsächlich daran liegen, dass der Lehrer es falsch macht. Oder daran, dass aufgrund von Krankheit so viel Unterricht ausgefallen ist, dass er gar nicht anders kann, als bestimmte Dinge in die Hausaufgaben zu verlegen und die Eltern zu fordern. Es kann aber natürlich auch sein, dass ohne Grund ein Wettkampf der Eltern ausgebrochen ist. Das sind dann die berühmten Helikopter-Eltern, deren übersteigerter Ehrgeiz es verlangt, alles bis zur Perfektion erledigt haben zu wollen. Was aber gar nicht notwendig ist.“

Ja, dazu will ich mich nicht zählen, ich halte das Referat für meinen Sohn simpel und Bestechungssüßigkeiten in Koalaform bringen wir auch nicht mit in die Schule.