«Eltern leiden oft mehr als die Kinder»

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Seit 17 Jahren bringt Nicolas Witte als Spitalclown Kinder wieder zum Lachen. Im Interview verrät er, wie er inmitten all dieser traurigen Schicksale stets positiv bleibt.

Sie besuchen als Spitalclown, als sogenannter Traumdoktor der Stiftung Theodora, Kinder in Spitälern. Was geht in Ihnen vor, wenn Sie ein Zimmer betreten und die Patienten zum ersten Mal sehen?

Ich versuche zunächst, die Stimmung im Raum zu spüren, und muss dann innert kürzester Zeit entscheiden, wie ich am besten vorgehen soll. Das verläuft sehr intuitiv über Blicke und Körpersprache. Wenn ein Kind mich ansieht, ist der erste Kontakt da. Daran lässt sich gut anknüpfen. Wendet es sich aber ab und bleibt verschlossen, dann suche ich andere Wege. Manchmal passt es aber einfach nicht, und es ist besser, wenn ich mich wieder zurückziehe. Dann gebe ich aber trotzdem ein kleines Geschenk ab – eine Karte, einen Ballon oder einen kleinen Sticker –, damit das Kind merkt, dass es wahrgenommen wurde.

Und wenn Sie bleiben dürfen, wie läuft der Besuch dann ab?
Dann geht es darum, die momentanen Bedürfnisse des Kindes zu erkennen und eine Möglichkeit zu finden, darauf einzugehen. Ein Spiel passt fast immer oder eine Geschichte, die wir gemeinsam entwickeln können. Auch ein wenig Slapstick kann sehr gut funktionieren – natürlich immer im Rahmen der Möglichkeiten, die man in einem Spitalzimmer hat. Manchmal ist auch ein Zaubertrick angesagt. Oder Musik. Wenn ich merke, dass es mit der Kontaktaufnahme harzt, hole ich meine Ukulele oder meine Mundharmonika hervor, oder ich singe etwas. Dann können die Kinder zunächst einmal einfach nur zuhören.

Geht es denn darum, dass das Kind mitmacht?
Nein, es geht darum, dem Kind ein wenig Abwechslung im Spitalalltag zu schenken. Vor allem aber geht es darum, die Gefühle des Kindes wahrzunehmen und sein Selbstbewusstsein zu stärken. Wenn ich zum Beispiel mit einem Stethoskop das Knie eines Kindes abhöre, dann kann es mich korrigieren und mir sagen, wie man es richtig macht – schliesslich weiss es ja nun bestens Bescheid. Das gibt dem Kind ein gutes Gefühl.

Sie sind bereits seit 17 Jahren Traumdoktor. Kam es schon vor, dass Sie von einer Situation oder einem Fall überfordert waren?
Ich kam einmal genau zu dem Zeitpunkt in ein Spitalzimmer, als ein verstorbenes Kind gerade weggefahren wurde. Die Eltern standen immer noch da – und ich wusste wirklich nicht, wie ich reagieren sollte. Ich habe versucht, über Blicke zu erkunden, ob sie reden wollten. Es sah nicht so aus. Da habe ich mich zurückgezogen. Das war für mich ein sehr trauriger Moment, denn ich hätte wirklich gern geholfen. Aber als Traumdoktor war ich in diesem Augenblick einfach fehl am Platz.

Sie sind als Coach auch für die Weiterbildung der Traumdoktoren zuständig. Wie wappnen Sie Ihre Kollegen für solche Momente?
Wir versuchen, besonders schwierige Situationen in Rollenspielen zu üben. An unseren Workshops, die wir regelmässig übers Jahr durchführen, nehmen auch Kinderpsychologen und Entwicklungspädiater teil, die uns ihr Wissen vermitteln. Ein Traumdoktor muss aber vor allem intuitiv agieren können. Unsere Kernaufgabe liegt darin, aus dem Moment heraus zu handeln und eine Situation richtig zu erfassen. Natürlich werden wir vor dem Betreten eines Raums über die Patienten und ihre Leiden in Kenntnis gesetzt. Aber wenn man dann vor den Kindern steht, ist das ganz was anderes. Wir sind zum Teil mit schweren Schicksalen konfrontiert. Kinder, denen Arme oder Beine amputiert werden mussten, die starke Verbrennungen erlitten haben oder die sogar im Sterben liegen.

Wie verarbeiten Sie selbst solche Momente?
Mir hilft der Austausch mit Kollegen. Wir sind in grossen Spitälern immer im Team unterwegs und besuchen die Kinder manchmal auch zu zweit. Dann kann man später miteinander über die Besuche reden. Traumdoktoren haben auch die Möglichkeit, in einer Supervision Erlebnisse zu verarbeiten. Aber harte Fälle sind wirklich die Ausnahme. Das Positive überwiegt in diesem Beruf. Wenn zum Beispiel eine Mutter zu dir sagt, dass ihr Kind dank dir zum ersten Mal seit zwei Wochen wieder mal gelacht hat, macht dich das unsagbar glücklich.

Wie erleben Sie generell die Zusammenarbeit mit den Eltern?
Sie leiden oft mehr als die Kinder selbst. Die Hilflosigkeit ist für sie schwer zu ertragen. Ich versuche, sie ein wenig von ihren Sorgen abzulenken, indem ich sie ins Spiel miteinbeziehe. Manchmal gebe ich ihnen eine Rätselaufgabe, die sie dann zusammen mit den Kindern lösen können. Die Erwachsenen reagieren meist sehr positiv. Überhaupt stelle ich fest, dass sich das Verhältnis uns Spitalclowns gegenüber stark verändert hat. Als ich als Traumdoktor angefangen habe, war das Misstrauen noch gross – auch vonseiten der Spitalmitarbeiter. Sie haben sich gefragt, was das alles soll. Heute sind wir Teil des Teams und im Spitalalltag integriert. Man kennt uns und schätzt unsere Arbeit.

Sie besuchen bis zu 30 Kinder pro Besuchsnachmittag. Wie können Sie dabei immer fröhlich bleiben?
Es ist anstrengend, aber es kommt sehr viel zurück. Wenn man ein Kind zum Lachen bringen kann, gibt einem das Rückenwind und tut wahnsinnig gut. Manche Kinder begleiten wir während Monaten. Da gibt es fast schon eine Vertrautheit. Sehr schwer ist es dann, wenn ein Kind einen Rückfall erleidet. Wenn man gemeinsam die Freude über das Ende des Spitalaufenthalts erlebt hat, und dann liegen sie wieder da, und man muss wieder von vorn anfangen. Das erfordert viel Kraft von allen. Dann geht es darum, nicht zurückzublicken und das Beste aus der Situation zu machen. Zu erkennen, was dem Kind im Hier und Jetzt gerade guttut, ist unsere wichtigste Aufgabe. Und es ist der schönste Lohn, wenn es einem gelingt, die Kinder ein wenig glücklicher zu machen.