Aktion Weihnachten in Stuttgart: Hier dürfen Kinder kranker Eltern Kind sein

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Sind Eltern psychisch krank, übernehmen Kinder zumeist die Verantwortung – und sind überfordert. Bei Aufwind im Gemeindepsychiatrischen Zentrum dürfen sie regelmäßig loslassen und wieder Kind sein.

Stuttgart – Zuerst fiel Max (Name geändert) den Erzieherinnen in der Kita auf. Der Junge verhielt sich sehr aggressiv, hatte in seiner Nachbarschaft keinen Freundeskreis und verfiel regelrecht in eine Starre, wenn es Streitereien gab. Bei genauerer Betrachtung stellte sich heraus, dass die Mutter des Kindes psychisch krank war. Unwillkürlich hatte der Junge Verantwortung für sie übernommen – und sich damit übernommen. Das Jugendamt bat Andrea Zug um Hilfe, die Leiterin von Aufwind im Gemeindepsychiatrischen Zentrum Ost.

„Eine psychische Erkrankung ist in Familien ein Tabuthema“, sagt die Sozialarbeiterin. „Eltern glauben, es sei das Beste, mit den Kindern nicht darüber zu reden.“ Um keinen Grund zu weiterer Aufregung zu geben, seien viele Kinder daheim fast schon überangepasst. Seit 2013 gibt es Aufwind, ein Hilfsangebot für Kinder und Jugendliche mit einem psychisch kranken Elternteil. Anfangs war es ein Projekt, seit 2016 trägt die Stadt einen Personalkostenanteil, zuständig sind Eva, Caritas und Klinikum.

Freizeitgruppe im Aufbau

„Aufwind ist ein Baustein in der Versorgung psychisch Kranker und ihrer Angehörigen“, erläutert Reiner Neuschel vom Klinikum. Anlaufstellen sind angesiedelt in ­Gemeindepsychiatrischen Zentren und sind Ansprechpartner für Fachdienste der Jugendhilfe und der Sozialpsychiatrie sowie zur Gewinnung von Multiplikatoren. Für Max ist durch die enge Zusammenarbeit zwischen Aufwind und Jugendamt die passende Lösung gefunden worden. „Wir schauen uns immer zuerst an, was die Familie mitbringt an Problemen, aber auch an Fähigkeiten: Gibt es eine Oma? Spielt das Kind im Fußballverein? Vernachlässigt es seine Hobbys, um auf Mutter aufpassen zu können?“, sagt Andrea Zug. Danach vermittle man an die vorhandenen Hilfestellen. „Wir sind so was wie eine Clearingstelle.“

Im Osten möchte Andrea Zug nun in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt eine Freizeitgruppe nur für Kinder von psychisch Kranken eröffnen. „Sie sollen hier erfahren, was sie über die Erkrankung ihrer Eltern wissen wollen, darüber reden können, Anschluss an eine Gruppe Gleichaltriger finden, ihre Loyalitätskonflikte abbauen können“, sagt die Sozialarbeiterin. Sie hat dafür einen Zeitraum während der Ferien im Auge, weil die Eltern damit deutlich entlastet werden könnten. Und mit Familiennachmittagen, denkt sie, könnten Bekanntschaften im Quartier geschlossen werden.

„Am liebsten wäre uns natürlichein flächendeckendes Angebot in der Stadt, aber wir fangen klein an und prüfen den Bedarf erst mal hier.“ Das Personal ist motiviert, die Räume sind vorhanden, nur das Geld für Bastelmaterial, Obst, Kuchen oder kleine Ausflüge in die nähere Umgebung fehlt. Die Aktion Weihnachten unterstützt sie.